Was, wenn dein Nein gar nicht das Problem ist?

Über persönliches Wachstum, körperliche Grenzen, unsere Werte und die Frage, wann wir über uns hinauswachsen – und wann wir beginnen, uns selbst zu verlassen.

 

In den vergangenen Tagen habe ich viel über persönliche Entwicklung nachgedacht. Über Mut. Über Veränderung. Über die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen. Und über diesen einen Satz, der uns in der Welt der Persönlichkeitsentwicklung immer wieder begegnet:

Du musst raus aus deiner Komfortzone, wenn du wachsen willst.

Ich habe diesen Satz selbst oft gehört. Vielleicht habe ich ihn früher sogar gelegentlich benutzt. Und natürlich steckt für mich auch etwas Wahres darin. Wenn wir immer nur das tun, was wir kennen, werden wir manche Erfahrungen niemals machen. Wir werden vielleicht nicht entdecken, wozu wir fähig sind. Wir werden möglicherweise Chancen verpassen, weil wir uns nicht trauen, einen ersten Schritt zu gehen.

Aber in letzter Zeit beschäftigt mich eine andere Frage.

Was ist eigentlich, wenn das, was andere für meine Komfortzone halten, in Wirklichkeit eine Grenze ist? Eine Grenze, die ich nicht aus Bequemlichkeit gezogen habe. Nicht, weil ich mich vor dem Leben verstecken möchte. Sondern weil ich mich inzwischen gut genug kenne, um zu wissen, was für mich richtig ist.

Und wer entscheidet überhaupt, welche meiner Grenzen ich überwinden sollte?

Ich selbst?

Oder der Mensch, der gerade vor mir steht und mir erklärt, dass hinter meinem Widerstand mein größtes Wachstum wartet?

 

Eine Erfahrung, die mich herausfordert, ist nicht automatisch eine Erfahrung, die mir guttut. Und eine Grenze, die ich setze, ist nicht automatisch eine Angst, die ich überwinden muss.

Nicht jede Herausforderung ist eine gute Erfahrung

Ich glaube, wir haben uns in der Welt der persönlichen Entwicklung ziemlich daran gewöhnt, Herausforderungen als etwas grundsätzlich Positives zu betrachten.

Wir sollen mutiger werden. Uns zeigen. Alte Muster durchbrechen. Ängste überwinden. Über uns hinauswachsen. Und ich kann diesen Gedanken gut verstehen. Es gibt schließlich Dinge, die ich mir wünsche und die mir trotzdem Angst machen. Manchmal braucht es einen kleinen Schubs, eine Ermutigung oder jemanden, der mir zeigt, dass ich mehr kann, als ich gerade glaube.

Aber ich frage mich, ob wir dabei nicht gelegentlich etwas Entscheidendes übersehen.

Eine Erfahrung, die mich herausfordert, ist nicht automatisch eine Erfahrung, die mir guttut. Und eine Grenze, die ich setze, ist nicht automatisch eine Angst, die ich überwinden muss.

Wenn ein Mensch zögert, können dahinter ganz unterschiedliche Gründe stecken. Vielleicht hat er Angst zu scheitern. Vielleicht fehlt ihm eine Fähigkeit. Vielleicht braucht er mehr Zeit. Vielleicht hat er schon Erfahrungen gemacht, die ihn vorsichtig werden lassen.

Oder vielleicht möchte er schlicht nicht das tun, was gerade von ihm erwartet wird.

Für mich macht das einen großen Unterschied. Denn wenn ich jedes Zögern sofort als Blockade betrachte, höre ich möglicherweise gar nicht mehr richtig hin. Dann frage ich nur noch: „Was hält dich zurück?“

Dabei wäre vielleicht eine ganz andere Frage hilfreicher:

„Möchtest du diesen Schritt überhaupt gehen?“

Die Sache mit der Komfortzone

Wenn ich an eine Komfortzone denke, sehe ich manchmal dieses Bild vor mir: einen gemütlichen Platz, an dem wir es uns bequem gemacht haben.

Alles ist vertraut. Alles ist sicher. Und irgendwo außerhalb wartet das Leben. Aber so einfach empfinde ich es nicht.

Stell dir zwei Frauen vor. Beide bekommen die Möglichkeit, auf einer großen Bühne zu sprechen.

Die erste möchte das unbedingt. Sie hat etwas zu erzählen, möchte Menschen erreichen und träumt vielleicht schon lange davon. Aber sobald sie daran denkt, vor so vielen Menschen zu stehen, wird sie nervös. Ihr Herz klopft. Ihre Hände werden feucht. Sie fragt sich, ob sie das wirklich kann. Vielleicht ist es für sie eine wunderbare Entwicklung, sich dieser Angst Schritt für Schritt zu nähern.

Mit Vorbereitung, Unterstützung und in ihrem eigenen Tempo.

Die zweite Frau möchte gar nicht auf diese Bühne. Nicht, weil sie sich nichts zutraut. Sondern weil sie merkt, dass diese Art der Sichtbarkeit nicht zu ihr passt. Vielleicht liebt sie intensive Gespräche. Kleine Gruppen. Persönliche Begegnungen. Vielleicht möchte sie Menschen erreichen, ohne sich auf einer Bühne präsentieren zu müssen.

Auch sie sagt Nein. Aber aus einem völlig anderen Grund. Nicht jedes Nein erzählt dieselbe Geschichte.

Und selbst bei der ersten Frau, die eigentlich gerne auf die Bühne möchte, bleibt es ihre Entscheidung, ob sie diesen Schritt jetzt gehen will. Vielleicht entscheidet sie sich dafür. Vielleicht noch nicht.Vielleicht findet sie auch einen ganz anderen Weg.

Ich finde, das darf alles sein.

Und wenn die Angst mich vielleicht sogar schützt?

Manchmal hilft mir ein sehr deutliches Bild, um meine Gedanken zu sortieren.

Stell dir vor, du stehst an einer Klippe. Unter dir geht es viele Meter in die Tiefe. Du schaust hinunter und spürst, wie sich in deinem Körper alles zusammenzieht. Du hast Angst. Und hinter dir steht jemand und sagt:

„Spring! Du musst deine Angst überwinden. Du musst dich trauen. Dahinter wartet dein Wachstum.“

Aber warum solltest du springen? Nur weil ein anderer Mensch der Meinung ist, dass deine Angst dich zurückhält? Ich jedenfalls würde nicht springen. Und ich würde meine Angst in diesem Moment auch nicht als Blockade betrachten. Für mich wäre sie eine vollkommen nachvollziehbare Reaktion auf eine Situation, die gefährlich werden könnte. Vielleicht schützt sie mich sogar davor, etwas zu tun, das ich überhaupt nicht tun möchte.

Natürlich gibt es auch eine andere Situation.

Vielleicht träume ich schon lange davon, einen gesicherten Sprung zu wagen. Ich habe mich informiert, professionelle Begleitung organisiert und weiß, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Ich möchte diese Erfahrung wirklich machen. Und trotzdem habe ich Angst. Dann könnte es für mich ein besonderer Moment sein, mich dieser Angst zu stellen. Vielleicht brauche ich Ermutigung. Vielleicht jemanden, der mir erklärt, was mich erwartet. Vielleicht jemanden, der an meiner Seite bleibt, während ich mich entscheide. Und vielleicht springe ich dann tatsächlich.

Aber selbst in dieser Situation darf ich mich noch umentscheiden.

Für mich liegt der entscheidende Unterschied nicht darin, ob ich Angst habe. Sondern darin, ob ich selbst springen möchte, unter welchen Bedingungen ich es tue und ob ich frei entscheiden kann. Denn nicht jede Angst ist ein Zeichen dafür, dass ich an mir arbeiten muss. Und nicht jeder Sprung ist ein Fortschritt.

Manchmal besteht die Entwicklung vielleicht auch darin, ruhig stehen zu bleiben und zu sagen:

Nein. Dieser Sprung ist nicht meiner.

Wer weiß eigentlich, was für mich richtig ist?

Ich habe in den vergangenen Jahren viele Menschen begleitet.

Und ich habe selbst Begleitung in Anspruch genommen. Dabei ist mir immer wichtiger geworden, wie viel Verantwortung eigentlich darin liegt, einen anderen Menschen in seiner Entwicklung zu unterstützen. Denn natürlich kann jemand von außen Dinge erkennen, die ich selbst gerade nicht sehe.

Ein anderer Blickwinkel kann unglaublich wertvoll sein.

Eine gute Frage kann etwas in Bewegung bringen, das vorher festgefahren war. Aber ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen einer Frage, die mir eine neue Möglichkeit eröffnet, und einer Erklärung, die mir sagt, was mein Verhalten angeblich bedeutet. Wenn ich Nein sage und mein Gegenüber antwortet: „Vielleicht hast du einfach Angst.“ Dann kann das eine interessante Überlegung sein. Aber es ist zunächst einmal eine Vermutung. Keine Gewissheit.

Und wenn daraus wird:

„Genau deshalb solltest du es tun.“ Dann verändert sich für mich etwas. Ein anderer Mensch beginnt, meine eigene Wahrnehmung für mich zu interpretieren. Vielleicht liegt er richtig. Vielleicht aber auch nicht. Dabei wünsche ich mir, dass ein Nein zunächst einmal als Entscheidung stehen bleiben darf. Dass wir neugierig bleiben können, ohne es sofort infrage zu stellen. Dass jemand fragen darf, was dahintersteckt, ohne schon zu wissen, welche Antwort herauskommen sollte.

Denn vielleicht brauche ich tatsächlich Mut.

Vielleicht brauche ich aber auch jemanden, der mir glaubt.

Wenn der Körper eine Grenze setzt

Es gibt Grenzen, die wir sehr deutlich in unserem Körper wahrnehmen.

Vielleicht wird uns schwindelig. Vielleicht bekommen wir Schmerzen. Vielleicht wird uns übel. Oder wir merken einfach, dass etwas gerade überhaupt nicht geht.

Natürlich können körperliche Reaktionen mit unseren Gedanken, Erfahrungen und Gefühlen zusammenhängen. Manchmal reagieren wir auf Stress, auf Erinnerungen oder auf Situationen, die uns verunsichern. Aber daraus würde ich nicht ableiten, dass jedes körperliche Signal eine mentale Blockade ist, die überwunden werden sollte.

Ich sehe meinen Körper nicht als Hindernis, das ich überwinden muss.

Er ist für mich auch kein unfehlbarer Kompass, der mir jede Entscheidung abnimmt. Aber er liefert mir Informationen. Und diese Informationen möchte ich ernst nehmen. Wenn jemand sagt, dass ihm etwas körperlich nicht guttut, würde ich mir wünschen, dass zunächst einmal zugehört wird. Nicht sofort mit dem Ziel, diese Reaktion wegzubekommen.

Sondern vielleicht mit der Frage: „Was brauchst du, damit es für dich passt?“ Und manchmal lautet die Antwort eben:

„Ich möchte das nicht.“

Auch das darf aus meiner Sicht eine vollständige Antwort sein.

Für mich muss ein Körper nicht erst beweisen, dass seine Grenze berechtigt ist.

Es gibt auch Grenzen, die aus unseren Werten entstehen

Nicht jede Grenze ist körperlich.

Manchmal geht es um etwas, das wir innerlich für richtig oder falsch halten.Um unsere Werte. Um die Art, wie wir mit anderen Menschen umgehen möchten. Um Dinge, die wir tun oder sagen sollen, die sich für uns nicht stimmig anfühlen. Und auch hier finde ich die Frage spannend, wer eigentlich entscheidet, ob wir diese Grenze überwinden sollten.

Vielleicht ist eine bestimmte Übung für andere Menschen völlig in Ordnung. Vielleicht haben sie Freude daran. Vielleicht erleben sie dabei sogar etwas, das ihnen persönlich weiterhilft. Das möchte ich ihnen überhaupt nicht absprechen. Aber ich muss deshalb nicht dasselbe empfinden. Ich darf etwas ablehnen, das für andere funktioniert. Ich darf andere Werte haben.

Und ich darf eine Erfahrung nicht machen wollen, selbst wenn jemand anderes von ihrem Nutzen überzeugt ist.

Vielleicht bin ich dann nicht zu ängstlich. Vielleicht bin ich nicht zu wenig offen.

Vielleicht bin ich sehr wohl bereit

Nur eben nicht für das, was gerade von mir erwartet wird.

Und was passiert, wenn wir trotzdem Ja sagen?

Das ist ein Gedanke, der mich besonders beschäftigt.

Denn manchmal sagen wir Ja, obwohl wir innerlich längst Nein gesagt haben. Vielleicht möchten wir dazugehören. Vielleicht wollen wir niemanden enttäuschen. Vielleicht haben wir Angst, schwierig zu wirken. Vielleicht glauben wir, dass die anderen schon wissen werden, was gut für uns ist. Oder wir haben in diesem Moment einfach nicht die Kraft, uns abzugrenzen.

Und hinterher bleibt ein merkwürdiges Gefühl. Vielleicht Ärger, Traurigkeit oder sogar Scham.

Nicht unbedingt, weil die Erfahrung selbst so schlimm war. Sondern weil wir merken, dass wir uns übergangen haben. Dass wir etwas getan haben, obwohl wir es eigentlich nicht wollten. Ich kenne den Gedanken, sich hinterher zu fragen:

„Warum habe ich nicht einfach Nein gesagt?“

Aber ich finde, diese Frage kann sehr hart sein. Vielleicht wäre eine andere hilfreicher:

„Was hat es mir in diesem Moment so schwer gemacht, bei mir zu bleiben?“

Denn manchmal ist das viel komplizierter, als es von außen aussieht. Gerade dann, wenn wir Menschen vertrauen.  Wenn wir dazugehören möchten.

Oder wenn wir glauben, dass wir uns auf etwas einlassen müssen, um weiterzukommen.

Wenn ein Nein plötzlich zum Problem erklärt wird

Es gibt Sätze, die auf den ersten Blick sehr unterstützend klingen.

„Vielleicht steckt da noch ein Thema dahinter.“ „Schau doch mal, was dich wirklich zurückhält.“ „Genau da liegt dein Wachstum.“

Und manchmal können solche Fragen tatsächlich etwas öffnen. Aber ich frage mich, was passiert, wenn jede Antwort am Ende wieder zur selben Schlussfolgerung führt. Wenn ich zögere, habe ich eine Blockade. Wenn ich Nein sage, habe ich Angst. Wenn ich erkläre, warum ich etwas nicht möchte, rechtfertige ich meine Angst. Und wenn ich darauf bestehe, dass meine Entscheidung richtig für mich ist, dann habe ich mich vielleicht noch nicht tief genug mit meinem Thema beschäftigt.

Wie könnte ich unter solchen Bedingungen überhaupt zu einem Nein kommen, das akzeptiert wird?

Das ist für mich eine wichtige Frage.

Denn wenn jede Ablehnung als Beweis dafür verstanden wird, dass ich noch an mir arbeiten muss, kann ich die Methode selbst kaum noch hinterfragen. Dann liegt das Problem immer bei mir. Nie bei der Aufgabe. Nie bei der Situation. Nie bei der Art der Begleitung. Und das erscheint mir zu einfach.

Vielleicht darf ich auch sagen:

„Ich habe darüber nachgedacht. Ich verstehe, was du meinst. Und trotzdem möchte ich es nicht.“

Ohne dass daraus gleich ein neues Entwicklungsthema werden muss.

Wachstum braucht nicht immer Schmerz

Ich glaube durchaus, dass persönliche Entwicklung manchmal unbequem ist.

Dass wir uns mit Dingen beschäftigen müssen, die wir lieber vermeiden würden. Dass Veränderung Unsicherheit mit sich bringen kann. Und dass wir manchmal erst hinterher erkennen, wie wertvoll eine schwierige Erfahrung für uns war.

Aber ich glaube nicht, dass Schmerz automatisch ein Zeichen für gutes Wachstum ist.

Nicht jede intensive Erfahrung ist eine hilfreiche Erfahrung. Nicht jede Träne bedeutet, dass sich etwas gelöst hat. Und nicht jede Grenzüberschreitung macht uns stärker. Für mich ist die Intensität einer Erfahrung kein verlässlicher Maßstab für ihre Qualität.

Viel wichtiger finde ich die Frage, unter welchen Bedingungen sie stattfindet.

Kann ich Fragen stellen? Darf ich etwas verändern? Darf ich eine Pause machen? Darf ich entscheiden, dass ich nicht teilnehmen möchte? Und wird meine Entscheidung auch dann respektiert, wenn mein Gegenüber sie nicht nachvollziehen kann?

Nicht jede Entwicklung braucht Überwindung. Manche braucht vor allem Sicherheit.

Und was, wenn Wachstum auch Freude machen darf?

Bei all diesen Gedanken möchte ich eines nicht vergessen.

Ich möchte wachsen. Ich möchte neue Erfahrungen machen, dazulernen, Dinge ausprobieren und manchmal auch über mich hinauswachsen. Und natürlich gibt es Situationen, in denen ich merke, dass mir für meinen nächsten Schritt noch etwas fehlt.

Vielleicht traue ich mir etwas noch nicht zu. Vielleicht fehlt mir Erfahrung. Vielleicht weiß ich noch nicht, wie ich etwas angehen soll. Oder ich spüre, dass ich eigentlich gerne etwas verändern möchte, aber noch nicht so richtig weiß, wie ich anfangen kann.

Und genau da kann persönliche Entwicklung für mich etwas Wunderbares sein.

Wenn ich Menschen an meiner Seite habe, die mich ermutigen. Die mir etwas zutrauen, ohne mich zu drängen. Die vielleicht schon Erfahrungen gemacht haben, die ich noch nicht habe. Menschen, die mich unterstützen, wenn ich unsicher werde. Die mit mir überlegen, was mein nächster Schritt sein könnte. Und die sich mit mir freuen, wenn mir etwas gelingt, das ich mir vorher nicht zugetraut hätte.

Vielleicht wird es zwischendurch schwierig. Vielleicht brauche ich mehrere Anläufe. Vielleicht muss ich über mich selbst lachen, weil ich etwas völlig anders erwartet habe. Und vielleicht gibt es auch Momente, in denen ich frustriert bin oder am liebsten wieder umkehren würde.

Aber warum sollte all das bedeuten, dass Entwicklung vor allem schmerzhaft sein muss?

Ich darf mich herausfordern und trotzdem Freude dabei empfinden. Ich darf lernen, ohne mich kleinmachen zu müssen. Ich darf mutig sein und gleichzeitig Unterstützung brauchen. Und ich darf mir Zeit lassen, bis aus etwas Unbekanntem langsam etwas Vertrautes wird.

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema auch deshalb so sehr, weil ich selbst Menschen in ihrer Entwicklung begleite.

In meinen Coachings erlebe ich immer wieder, wie viel sich verändern kann, wenn jemand plötzlich etwas versteht, das vorher nicht greifbar war. Wenn aus einem „Ich kann das einfach nicht“ langsam ein „Ach, deshalb fällt mir das so schwer“ wird. Wenn wir gemeinsam entdecken, was bisher gefehlt hat. Vielleicht eine Information, ein anderer Blickwinkel, ein kleinerer nächster Schritt oder einfach die Erlaubnis, etwas auf die eigene Weise zu tun.

Ich liebe diese Momente.

Nicht, weil ich jemanden dazu gebracht habe, über seine Grenzen zu gehen. Sondern weil ich miterleben darf, wie jemand seinen eigenen Weg entdeckt. Und manchmal wird dabei gelacht. Manchmal wird etwas ausprobiert und funktioniert überhaupt nicht. Dann schauen wir eben noch einmal hin.

Für mich gehört auch das zum Wachsen.

Dass wir nicht immer alles so furchtbar schwer machen müssen. Dass wir miteinander lernen dürfen, statt gegeneinander anzukämpfen. Und dass ich als Begleiterin nicht entscheiden muss, wie weit ein anderer Mensch heute gehen sollte. Vielleicht besteht meine Aufgabe viel eher darin, Möglichkeiten sichtbar zu machen, damit mein Gegenüber selbst entscheiden kann, welchen Schritt es gehen möchte.

Vielleicht liegt für mich genau darin der Unterschied zwischen einer Herausforderung, die mich wachsen lässt, und einer Erfahrung, bei der ich mich selbst übergehe. Bei der einen spüre ich trotz aller Unsicherheit, dass ich diesen Weg gehen möchte. Bei der anderen habe ich möglicherweise vor allem das Gefühl, dass ich ihn gehen sollte, weil jemand anderes davon überzeugt ist, dass er richtig für mich ist.

Natürlich ist diese Unterscheidung nicht immer sofort eindeutig. Manchmal brauche ich Zeit, Gespräche oder neue Erfahrungen, um herauszufinden, was tatsächlich dahintersteckt.

Aber ich wünsche mir, dass persönliche Entwicklung auch ein gemeinsames Entdecken sein darf.

Mit Neugier. Mit Leichtigkeit. Mit Unterstützung. Und ja, auch mit Freude. Denn vielleicht wachsen wir nicht nur dann, wenn wir an unsere Grenzen kommen.

Vielleicht wachsen wir manchmal gerade deshalb, weil wir uns sicher genug fühlen, etwas Neues zu wagen.

Die Angst vor dem Nein

Manchmal ist es gar nicht die eigentliche Aufgabe, die uns Angst macht.

Sondern die Vorstellung, Nein zu sagen. Was denken die anderen? Bin ich dann die Einzige, die nicht mitmacht? Enttäusche ich jemanden? Verpasse ich vielleicht doch etwas Wichtiges? Und was ist mit all der Zeit, dem Geld oder der Hoffnung, die ich bereits investiert habe?

Ich glaube, gerade dieser letzte Punkt kann uns sehr beschäftigen.

Wenn wir uns für etwas entschieden haben, möchten wir schließlich gerne glauben, dass es die richtige Entscheidung war. Wir haben Erwartungen entwickelt. Vielleicht haben wir uns auf etwas gefreut. Vielleicht haben wir sogar anderen davon erzählt. Und dann merken wir, dass es nicht so ist, wie wir es uns vorgestellt haben. Dass etwas nicht passt. Dass wir uns unwohl fühlen. Oder dass wir inzwischen etwas anderes brauchen.

Ich finde, wir dürfen unsere Meinung ändern. Auch wenn wir vorher begeistert waren. Auch wenn wir Geld ausgegeben haben. Auch wenn andere Menschen weiterhin überzeugt sind.

Eine frühere Entscheidung verpflichtet mich aus meiner Sicht nicht dazu, meine heutigen Wahrnehmungen zu ignorieren.

Commitment – aber wem gegenüber?

In der persönlichen und beruflichen Entwicklung begegnet mir immer wieder das Wort Commitment.

Die Bereitschaft, dranzubleiben. Nicht bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Sich auf einen Prozess einzulassen. Und ich finde, daran ist viel Wertvolles. Wenn ich etwas erreichen möchte, brauche ich manchmal Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, mich mit Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Aber ich frage mich, wem gegenüber ich eigentlich dieses Commitment eingehe.

Einem Programm? Einer Methode? Einem Menschen, der mich begleitet? Oder zunächst einmal mir selbst und dem, was ich erreichen möchte? Denn für mich ist das nicht dasselbe.

Ich kann meinem Ziel treu bleiben und trotzdem eine Methode ablehnen. Ich kann mich meiner persönlichen Entwicklung verpflichtet fühlen und trotzdem eine Zusammenarbeit beenden. Ich kann mein Business ernst nehmen, ohne jede Aufgabe zu erfüllen, die mir jemand als Voraussetzung für Erfolg präsentiert.

Vielleicht ist es sogar ein wichtiger Teil meiner Entwicklung, diese Unterschiede zu erkennen.

Ich kann mich selbst ernst nehmen, ohne jede Erwartung anderer erfüllen zu müssen.

Was ich aus meiner Arbeit mit Menschen und Hunden darüber gelernt habe

In meiner Arbeit mit Menschen und Hunden begegnet mir dieses Thema auf eine ganz eigene Weise.

Wenn ein Hund etwas nicht tut, was wir von ihm erwarten, gibt es dafür viele mögliche Gründe. Vielleicht hat er nicht verstanden, was wir möchten. Vielleicht ist die Umgebung zu aufregend. Vielleicht kann er die Aufgabe in diesem Moment körperlich oder emotional nicht leisten. Vielleicht haben wir etwas übersehen.

Oder vielleicht ist unsere Erwartung gerade einfach nicht passend.

Natürlich möchte ich Menschen und Hunde nicht gleichsetzen. Aber eine Haltung aus dieser Arbeit ist mir sehr wichtig geworden. Sehe ich wirklich mein Gegenüber? Oder sehe ich vor allem meine Vorstellung davon, wie es sein sollte?

Diese Frage stelle ich mir auch in der Begleitung von Menschen.

Denn manchmal haben wir eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was ein anderer Mensch tun müsste, um weiterzukommen. Wir sehen Möglichkeiten. Wir erkennen Zusammenhänge. Wir haben Ideen.

Aber nur weil ich eine Möglichkeit sehe, bedeutet das noch nicht, dass sie für mein Gegenüber die richtige ist.

Vielleicht kann ich eine Frage stellen. Vielleicht kann ich einen Gedanken anbieten. Vielleicht kann ich etwas sichtbar machen, das vorher nicht gesehen wurde. Und dann darf der andere Mensch selbst entscheiden, was er damit anfangen möchte.

Für mich ist das keine schwächere Form von Begleitung.

Im Gegenteil.

Ich empfinde es als eine große Verantwortung, einen Menschen nicht vorschnell in die Richtung zu lenken, die ich selbst für richtig halte.

Eine Grenze kann sich verändern

Bei all diesen Überlegungen möchte ich eines nicht vergessen.

Grenzen sind nicht unbedingt für immer festgelegt. Was sich heute nicht richtig anfühlt, kann morgen anders sein. Vielleicht lerne ich etwas Neues. Vielleicht sammle ich Erfahrungen. Vielleicht wächst mein Vertrauen. Vielleicht verändert sich mein Wunsch.

Und plötzlich möchte ich etwas ausprobieren, das ich früher abgelehnt hätte.

Das finde ich schön. Denn ich möchte meine eigenen Grenzen auch nicht zu unveränderlichen Regeln machen. Ich möchte neugierig bleiben. Ich möchte mich selbst hinterfragen dürfen. Und ich möchte entdecken können, was vielleicht doch möglich ist.

Aber ich wünsche mir, dass diese Veränderung aus mir heraus entstehen darf.

Nicht, weil jemand lange genug auf mich eingeredet hat. Nicht, weil ich irgendwann müde geworden bin, mein Nein zu erklären. Und nicht, weil ich das Gefühl hatte, sonst nicht dazuzugehören.

Eine Grenze ist für mich schließlich keine Mauer, die für immer unveränderlich bleiben muss.

Sie kann auch eine Tür sein.

Aber ich möchte selbst entscheiden dürfen, wann ich diese Tür öffne. Und für wen.

Vielleicht ist das Nein manchmal der eigentliche Entwicklungsschritt

Wenn wir über Mut sprechen, denken wir häufig an Menschen, die etwas wagen.

Die auf eine Bühne gehen. Die ein Unternehmen gründen. Die ihre Meinung öffentlich vertreten. Die einen großen Schritt machen, obwohl sie Angst haben. Und ja, das kann mutig sein.

Aber ich glaube, Mut hat noch andere Gesichter.

Vielleicht braucht es Mut, jemanden zu enttäuschen. Vielleicht braucht es Mut, als Einzige in einer Gruppe etwas nicht mitzumachen. Vielleicht braucht es Mut, eine Entscheidung zu korrigieren, von der wir vorher überzeugt waren.

Vielleicht braucht es Mut, eine Zusammenarbeit zu beenden.

Oder zu sagen: „Ich weiß, dass du das anders siehst. Aber für mich ist es nicht richtig.“ Gerade wenn wir gelernt haben, Erwartungen zu erfüllen, kann so ein Nein unglaublich schwer sein. Vielleicht besteht Wachstum dann nicht darin, diese Grenze zu überwinden.

Sondern darin, sie endlich ernst zu nehmen.

Was, wenn du dir selbst wieder mehr glauben würdest?

Ich möchte aus diesen Gedanken keine neue Regel machen.

Keine Anleitung mit fünf Schritten, wie du ab morgen deine Grenzen setzen solltest. Und schon gar nicht die Behauptung, dass jedes Nein automatisch richtig ist. Vielleicht lohnt es sich manchmal, genauer hinzuschauen, ob hinter einem Nein tatsächlich Angst steckt oder eine alte Erfahrung oder Unsicherheit.

Aber vielleicht steckt dahinter auch etwas ganz anderes.

Ein Wert. Ein Bedürfnis. Eine körperliche Grenze. Oder einfach die Erkenntnis, dass etwas nicht zu uns passt. Und vielleicht müssen wir das gar nicht sofort entscheiden. Vielleicht dürfen wir uns erst einmal fragen:

Möchte ich eigentlich Ja sagen, aber die Angst hält mich zurück?

Oder möchte ich Nein sagen, weil etwas nicht zu mir passt?

Wessen Erwartungen versuche ich gerade zu erfüllen? Was würde ich entscheiden, wenn ich niemanden enttäuschen müsste? Und vielleicht die wichtigste Frage: Würde ich mich mit meiner Entscheidung selbst ernst nehmen – oder würde ich mich übergehen, um jemand anderem gerecht zu werden?

Ich weiß nicht, welche Antwort für dich richtig ist. Das kann ich auch gar nicht wissen. Aber ich glaube, es lohnt sich, der eigenen Wahrnehmung wieder mehr Raum zu geben. Denn nicht jedes Nein ist eine Angst. Nicht jede Grenze ist eine Blockade. Und nicht jede Erfahrung, die uns an unsere Grenzen bringt, macht uns stärker.

Manchmal ist der wichtigste Schritt nach vorne für mich der Moment, in dem ich stehen bleibe und sage:

Bis hierhin. Und nicht weiter. Nicht aus Angst vor dem Leben. Sondern aus Respekt vor mir selbst.

 

Waldige Grüße

Nicole