Jagdverhalten verstehen und den Hund im Wald lesen lernen

Wildfangs Waldcoach

 
Du kennst es bestimmt:

 

Gerade läuft dein Hund noch ganz entspannt neben dir, ihr genießt die frische Morgenluft. Doch auf einmal rastet bei ihm ein Schalter ein. Er wirkt wie elektrisiert, ist nicht mehr ansprechbar und im nächsten Moment schon im Unterholz verschwunden.

 Was genau hat da gerade diesen Schalter umgelegt? Du hast nichts gesehen, nichts gehört … Genau hier setze ich an.

 

Mit dem Hund durch den Wald – wie ein Gespräch mit einem guten Freund

Ein gutes Gespräch besteht nicht nur aus Worten. Wir bemerken, wenn unser Gegenüber innehält, wenn sich seine Aufmerksamkeit verändert oder wenn etwas unausgesprochen im Raum steht.

Mit unseren Hunden ist es draußen ganz ähnlich.

Während wir noch den Weg vor uns sehen, nimmt unser Hund Gerüche, Spuren und Bewegungen wahr, die uns verborgen bleiben. Vielleicht hebt er nur leicht die Nase. Sein Schritt wird langsamer, sein Körper fester und seine Aufmerksamkeit wandert zu einer Stelle, an der wir zunächst nichts Besonderes erkennen können.

Der Hund hat jedoch längst begonnen, den Wald mit all seinen Sinnen wahrzunehmen.

Der Wald ist keine Kulisse

Für uns ist ein Waldweg häufig einfach ein Waldweg. Für unseren Hund ist er voller Informationen.

An der Kreuzung ist vielleicht in der Nacht ein Fuchs entlanggelaufen. Am Rand der Dickung hat ein Reh gestanden. Der Wind trägt einen Geruch über die Wiese, und im feuchten Boden hat sich eine Spur gehalten, die wir mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen können.

Unser Hund bewegt sich deshalb nicht nur durch eine schöne Landschaft. Er bewegt sich durch einen lebendigen Raum voller Geschichten und Möglichkeiten. Wenn er plötzlich langsamer wird, stehen bleibt oder vom Weg abbiegen möchte, geschieht das selten grundlos. Vielleicht kennen wir den Grund nur noch nicht.

Was dein Hund an einem Baum lesen kann

Vielleicht hast du schon einmal beobachtet, wie dein Hund scheinbar endlos an einem jungen Baumstamm schnuppert.

Wo wir nur einen kleinen Baum sehen, könnte dein Hund eine ganze Geschichte wahrnehmen:

„Hier war ein Rehbock. Er hat sein Gehörn an diesem jungen Baum gerieben. Ich rieche noch die Spuren, die er dabei hinterlassen hat. Von dort ist er gekommen. Hier hat er länger gestanden und anschließend ist er in diese Richtung weitergezogen.“

Eine Geschichte, die dir dein Hund erzählen kann – wenn du ihm Zeit gibst und bereit bist, genauer hinzuschauen.

Solche Momente verändern unseren Blick. Aus einem Hund, der „schon wieder irgendwo schnuppert“, wird ein Hund, der Informationen sammelt. Aus vermeintlichem Ungehorsam wird ein Verhalten, das wir beobachten und besser einordnen können.

Jagdverhalten beginnt vor dem Hetzen

Jagdverhalten beginnt nicht erst, wenn ein Hund einem Reh oder Hasen hinterherläuft.

Es beginnt viel früher: in dem Moment, in dem der Hund einen Geruch aufnimmt, eine Bewegung entdeckt oder seine Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Stelle richtet. Er nimmt Informationen wahr, bewertet sie und entwickelt daraus eine mögliche Handlungsrichtung.

Je früher wir diesen Prozess erkennen, desto größer bleibt unser gemeinsamer Handlungsspielraum.

Dann müssen wir nicht erst hektisch rufen, wenn der Hund gedanklich und körperlich bereits unterwegs ist. Wir können früher mit ihm in Kontakt treten, seine Aufmerksamkeit begleiten oder den vorhandenen Rahmen verändern.

Den Hund zu lesen, bedeutet auch den Wald zu verstehen

 

Wer nur den Hund beobachtet, sieht lediglich einen Teil des Geschehens. Auch Windrichtung, Gelände, Vegetation, Tageszeit und Wildaktivität beeinflussen, welche Informationen ihm gerade zur Verfügung stehen. Ein Waldrand kann am hellen Mittag ruhig wirken und in der Dämmerung voller Bewegung sein. Ein unscheinbarer Durchgang im Gebüsch kann ein regelmäßig genutzter Wildwechsel sein.

Wenn wir solche Zusammenhänge verstehen, warten wir nicht mehr darauf, dass unser Hund uns zeigt, wo es interessant wird. Wir entwickeln selbst eine Vorstellung davon, was gerade passieren könnte, erkennen Veränderungen früher und können vorausschauender entscheiden.

Genau dort beginnt für mich gutes Training: nicht erst beim Rückruf oder beim Stoppen, sondern beim Verstehen. Wer ist dieser Hund? Was nimmt er draußen wahr? Welche jagdlichen Fähigkeiten bringt er mit? Und woran erkennen wir, dass sich seine Aufmerksamkeit verändert?

In meiner Arbeit verbinde ich deshalb modernes Hundetraining mit meinem Wissen über Wald, Wild und Revier. Wir schauen nicht nur darauf, ob ein Signal funktioniert. Wir beobachten, was der Hund tatsächlich tut, welche Stellen ihn anziehen und welche Informationen ihn möglicherweise bereits erreicht haben.

Wir müssen Jagdverhalten nicht bekämpfen. Wir dürfen lernen, es zu lesen, früher zu erkennen und innerhalb eines sicheren Rahmens gemeinsam zu lenken. So wird der Wald zum gemeinsamen Lernraum: Aus spätem Reagieren entsteht frühes Erkennen, aus ständigem Korrigieren ein gemeinsamer Rahmen – und aus einem Spaziergang, der sich manchmal wie ein Kräftemessen anfühlt, kann wieder ein echtes Gespräch werden.

 

Waldige Grüße
Nicole

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